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Interview mit Anna Lührmann MdB zu Europafragen
Gruene-Vogelsberg:
Welches Ziel wurde bei der Erarbeitung der Europäischen Verfassung
verfolgt und welche Bedeutung soll diese für die Mitgliedsstaaten
der EU haben?
Anna Lührmann: Der Europäische
Rat von Laeken hat in seiner Erklärung die Herausforderungen
an die EU definert und die Einberufung eines „Konvents zur Zukunft
Europas“ beschlossen. Dieser Konvent sollte Antworten finden
und formulieren, die einen Entwurf der Verfassung für Europa
gemündet haben. Die Verfassung soll die bisherigen Verträge
ablösen und somit auch das Verhältnis der Mitgliedsstaaten und
der Europäischen Union reformieren.
Die vom Rat an den Konvent gestellte Aufgabe umfaßte ein breites
Spektrum mit dem Ziel, die EU näher an ihre Bürgerinnen und
Bürger heranzutragen und den Herausforderungen Europas in einer
globalisierten Welt besser gerecht zu werden. Die EU sollte
demokrtaischer, transparenter und effizienter werden. Der Konvent
sollte in diesem Sinne die Kompetenzverteilung zwischen der
EU und den Mitgliedsstaaten überprüfen, eine Neuordnung der
Verträge anstreben (u.a. die „Säulenstruktur“ überdenken), die
Instrumente (z.B. Rechtsetzung) und Abstimmungsverfahren der
Gemeinschaftsorgane (z.B. von Kommission und Europäischen Parlament)
auf ihre Legitimität prüfen etc.. (Nachzulesen i.d. Erklärung
von Laeken)
GrueneVB: Die Türkei bemüht sich um eine Aufnahme
in die EU und China hofft auf ein Ende des Waffenembargos und
die Einstufung als Marktwirtschaft. Welche politische Gewichtung
wird die Einhaltung der Menschenrechte in der zukünftigen Politik
der EU haben?
Lührmann: Die EU richtet ihre
Außenpolitik und Entwicklungszusammenarbeit an menschenrechtlichen
Standards aus. Die Wahrung von Demokratie und Menschenrechten
wurden, nach und nach, nicht nur Bestandteildes europäischen
Rechts sondern auch integraler Bestandteil europäischer Identität.
Besonders in den neunziger Jahren hat sich in dieser Richtung
viel bewegt.
Mit dem Gipfel von Maastricht (1992) wurden konsequenterweise
frühere Erklärungen und Entschließungen zur Wahrung der Menschenrechte
in den neuen Vertrag über die Europäische Union – explizit -
aufgenommen. Dort werden als die Ziele der Gemeinsamen Außen-
und Sicherheitspolitik (GASP) und der Entwicklungszusammenarbeit
die Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie die
Wahrung der Menschenrechte und Grundfreiheiten definiert (Art.
J.1 und Art. 130(u)). Weitere Konkretisierungen erfolgten im
Amsterdamer Vertrag (1999) und zuletzt im Nizza-Vertrag von
2000. Seitdem gelten Menschenrechte als Querschnittsaufgabe
und sollen in alle Politikbereiche integriert werden.
Die EU konditionalisiert auch ihre Beziehungen mit Drittstaaten.
- Das heißt, sie knüpft bspw. Handel und Entwicklungshilfe an
die Einhaltung von Menschenrechten und Demokratie. Auch der
politische Dialog mit anderen Staaten hat – wenn nötig – Menschenrechte
zu umfassen. Die Aufnahme entsprechender Klauseln in Verträge
ist von Seiten der EU obligatorisch.
Die Mitgliedschaft in der EU, so wurde vom Europäischen Rat
in Kopenhagen beschlossen, können nur Länder erwerben, die (u.a.)
die Kriterien der Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sowie der
Achtung der Menschenrechte und Minderheitenrechte erfüllen –
diese sog. „Kopenhagener Kriterien“ werden ohne Abstriche oder
Sonderauflagen auch für die Türkei gelten.
Trotz aller begrüßenswerter Fortschritte in der Menschenrechtspolitik
im Bereich GASP und Entwicklungspolitik ist aber kaum zu übersehen:
Die EU wendet ihre hohen Standards weder einheitlich noch kohärent
an. Das Europäische Parlament – u.a. - wird nicht müde, darauf
hinzuweisen.Beispielsweise sind kleinere Länder häufiger von
Sanktionen der EU betroffen als größere/ wichtigere Handelspartner.
Das gilt wohl auch in Bezug auf China. Die EU führt den sog.
Rechtsstaatsdiaolg mit der Volksrepublik China (VR), bei dem
auch Menschenrechte thematisiert werden sollen. Nach dem Massaker
auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurden die Beziehungen
zur VR nur kurzzeitig unterbrochen. Es ist offenbar, dass angesichts
des Potentials Chinas als Wirtschaftsmacht Menschrechtsbedenken
leider eine untergeordnete Rolle spielen. Die Aufnahme Chinas
in die WTO macht außerdem deutlich, dass nicht nur Europa Interesse
am chinesischen Markt hat und Fragen von Demokratie und Menschenrechten
im internationalen Handel eine zu geringe Rolle spielen. Die
Aufhebung des Waffenembargos halte ich für unverantwortlich
und hoffe sehr, dass es trotz der jüngsten Vorstöße des Kanzlers
dazu nicht kommen wird.
GrueneVB: Im Vorfeld des Irakkrieges zeigte
sich Uneinigkeit der europäischen Mitgliedsstaaten. Wie bewertest
Du bei einer zukünftig notwendigen Einstimmigkeit die Chancen,
dass es bei ähnlichen Konflikten eine gemeinsame friedensbewahrende
Politik geben wird und welche Bedeutung wird einem zukünftigen
europäischen Außenminister dabei zukommen?
Lührmann: Die europäischen
Regierungen haben aus dem Irak-Krieg gelernt. Die Entwicklungen
des letzten Jahres zeigen, dass die nächsten großen Integrationschritte
im Bereich Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik
(ESVP) zu erwarten sind. Der Europäische Rat von Rom vor wenigen
Tagen hat die neue Europäische Sicherheitsstrategie verabschiedet.
Darin definert die EU ihre Sicherheitspolitik in Sinne eines
„wirksamen Multilateralismus“ und unter den Vorzeichen ziviler
Konfliktlösungsmechanismen. Außerdem wurde die Einrichtung eines
europäischen militärischen Hauptquartiers beschlossen, um auch
die militärische Zusammenarbeit in Europa effizienter zu gestalten
und eigene Operationen der EU-Staaten zu ermöglichen. Weiterhin
wird in der GASP und ESVP die Einstimmigkeit notwendig sein,
auch wenn die neue Verfassung in Kraft tritt. Allerdings wird
es in Zukunft leichter sein, in diesem Bereich stärker zusammenzuarbeiten,
wenn eine Gruppe von Staaten dies wünscht. Diese kann dann auch
im Auftrag der EU Missionen ausfüllen (analog zum Kongo-Einsatz).
Aber abgesehen von der Neu-Strukturierung europäischer militärischer
Fähigkeiten, müssen die Europäer in der Tat einen Modus finden,
ihre Außenpolitik noch stärker abzustimmen und Konsens auch
in umstrittenen Fragen möglich zu machen. Allerdings gehe ich
nicht davon aus, dass dies immer gelingen wird, solange Rat
und Europäischer Rat die entscheidenden Organe in der GASP sind.
Wir müssen auf die weitere Demokratisierung der EU, das heißt
auch auf die Stärkung des EP hinwirken, um eine demokratisch
legitimierte und repräsentative GASP zu erreichen. – Hätten
die euröpäischen Bürgerinnen und Bürger über den Irak-Krieg
entscheiden können, hätte es diese Spaltung Europas nicht gegeben
und auch keine europäische Beteiligung am Krieg.
Der in der Verfassung vorgesehen Außenminister vereinigt die
bisherigen Aufagen des Kommissars für Außenbeziehungen (derzeit
amtiert Chris Patten) und des Hohen Beauftragen für die GASP
(Javier Solana). Dieser neue Posten ist zwischen Rat und Kommission
angesiedelt. Damit wird der EU erstmals eine Stime, ein Gesicht
in der Außenpolitik verliehen. Nach der neuen Verfassung wird
dieser Außenminister bzw. die Außenministerin (AM) die EU in
allem Belangen der Außenpolitik vertreten. Dieser neue Job ist
mit einer Fülle von Funktionen und vor allem Koordinierungsaufgaben
versehen. In latenter Konkurrenz steht der/ die AM mit dem/
der neuen RatspräsidentIn, dessen/deren Aufgaben in der GASP
nicht ganz klar definiert sind – Kompetenzgerangel nicht unwahrscheinlich.
Es wird also auch einiges von der Person abhängen, die dieses
Amt übernimmt, wie die neue, eine Stimme Europas wahrgenommen
wird. Aber ohne Zweifel besteht in dieser Neuerung großes Potential
für eine einheitlichere, bessere europäische Außenpolitik.
GrueneVB: Was unternimmt die EU, um in den
Beitrittsstaaten die mittelständischen Betriebe und das einheimische
Gewerbe zu unterstützen, damit es bei der Konkurrenz durch westeuropäische
Konzerne nicht vollkommen wegbricht und wie werden die Deregulierungen
im Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Förderung der Infrastruktur
der neuen Beitrittsländer kompensiert?
Lührmann: Die EU vergibt keine
Direktsubventionen o.ä. an einzelne Betriebe. Aber sie ist auch
nicht zuständig für Arbeitsmarktpolitik der Mitgliedsländer.
Eventuelle Deregulierungen in diesem Bereich nehmen die Beitrittsländer
also selbst vor. Auch klar ist, dass auch die neuen Mitglieder
erheblich von den Vorteilen des Binnenmarktes profitieren werden
– das ist ja auch eines der Hauptmotive, den EU-Beitritt anzustreben.
Außerdem kommen auch die neuen Mitglieder in den Genuß von Strukturfondsmitteln
und anderen Fördermaßnahmen der EU. Die europäischen Agrarsubventionen
sind für die landwirtschaftlichen Betriebe bspw. in Polen von
besonderem Interesse. – Allerdings bin ich auf diesem Gebiet
leider keine ausgewiesene Expertin. Mehr Informationen dazu
bekommt Ihr aber bei der Europäischen Kommission bzw. deren
Vertretung in Deutschland.
GrueneVB: Wie vereinbart die EU
die massive Förderung des Tabakanbaues mit gleichzeitig aktivem
Antiraucherprogramm?
Lührmann: Hier besteht ein
eklatanter Widerspruch, der wohl auf die besonderen Interessen
einzelner Mitgliedsstaaten zurückzuführen ist. Es ist klar,
dass es sich um ein Problem handelt, das die Glaubwürdigkeit
der Anti-Raucher-Politik und -Kampagnen der EU untergräbt. Die
Förderung des Tabakanbaus muss deshalb endlich beendet werden,
dazu hat Renate Künast auch schon Initiativen im Agrarministerrat
unternommen.
GrueneVB: Die EU stellt mit Regelungen
wie EKVO, FFH usw. die Gemeinden vor große finanzielle Probleme.
Welche Möglichkeiten bietet sie im Gegenzug?
Lührmann: Grundsätzlich halte
ich die europäische Umweltpolitik für ein wirksames Mittel für
besseren Umweltschutz in ganz Europa. – Es ist ja keine neue
Erkenntnis, dass sich Umweltprobleme nicht allein im nationlastaatlichen
Rahmen lösen lassen und es innerhalb der EU erhebliche Unterschiede
im Umweltschutz gibt (etwa wenn man Schweden und Griechenland
vergliche). Einheitliche Bestimmungen können da sinnvolle Abhilfe
schaffen.
In den Details der genannten Verordnungen und Richtlinien kenne
ich mich, das muss ich zugeben, leider nicht genau aus. Aber
die EU fördert umfangreiche Umweltmaßnahmen und - projekte gerade
auf lokaler Ebene. Die EU Kommission hat Städte und Gemeinden
als wichtige Partner im Umweltschutz identifiziert und bezieht
diese im Konsultationsverfahren in ihre Entscheidungen mit ein.
– Europäische Umweltpolitik passiert also nicht im „luftleeren
Raum“, sie ist i.R. fortschrittlicher als die der Mitgliedsstaaten.
Die fördert u.a. auch Netzwerke von Städten und Gemeinden im
Umweltbereich wie z.B. das deutsche „Klima-Bündnis“ oder das
„International Council for Local Environmental Initiatives“.
GrueneVB: Welche
Maßnahmen werden getroffen, um die Umsetzung solcher Regelungen
in allen Mitgliedsstaaten zu gewährleisten?
Lührmann: Gerade im Umweltbereich
ist die Umsetzungsproblematik ein lange beklagtes Problem. Die
EU Kommission hat die Möglichkeit nach dem Ablauf der gesetzten
Umsetzungsfristen, dem entsprechenden Land Strafauflagen zu
machen – das kommt durchaus vor bzw. wirkt die Drohung damit
oft schon als „Beschleuniger“. Grundsätzlich ist richtig, dass
es bei der Umsetzung oft hapert. In einem föderalen System wie
Deutschland, wo die Zuständigkeiten auf verschiedenen Ebenen
angesiedelt und zusätzliche Abstimmung/ Delegieren notwendig
ist, ist die Umsetzung oft zusätzlich verzögert. Besonders ärgerlich
ist in dem Zusammenhang, dass der Bund gegenüber der Kommission
„den Kopf hinhalten“ muss, auch wenn die Länder für die Umsetzung
der Richtlinie verantwortlich sind.
GrueneVB: Zu guter letzt: Bei
den letzten Wahlen, egal ob Bundes-, Landes- oder Kommunalwahl,
ist eine immer geringer werdende Wahlbeteiligung zu beobachten.
Was muss die Politik Deiner Meinung nach tun, um diesen Trend
umzukehren und wie könnte man in der jungen Generation eine
stärkeres Interesse für politische Themen wecken?
Lührmann: Mein Motto ist nach
wie vor: Machen statt meckern! Politik und auch ihr Personal
wirken auf den ersten Blick nicht sonderlich attraktiv für junge
Menschen. Aber wenn man beginnt sich zu engagieren, merkt man
schnell, dass man was verändern kann – dabei gilt natürlich
die Devise: in kleinen Schritten denken. Ich denke, dass guter,
kritischer Unterricht in der Schule, Jugendliche sensibilisieren
und für politische Themen interessieren kann.
Was die abnehmende Wahlbeteiligung betrifft, sehe ich das als
langfristigen Trend, dem begegnet werden muss – was aber sicher
nicht ganz leicht ist. Je komplexer die politische Gemengelage
desto schwerer wird es, die Politik und ihre oft auch schwer
nachvollziehbaren Entscheidungen zu vermitteln. – Etwa die derzeitigen
Reformen im Rahmen der Agenda 2010: Bürgerinnen und Bürger verstehen,
dass es ich um wichtige Entschiedungen handelt – aber den Überblick
zu bewahren und die Entscheidungsalternativen zu überblicken
– das fällt ja sogar den „Professionellen“ des Politikbetriebs
schwer. Klare oder einfach Botschaften gibt es allerdings nicht
– dazu ist die Welt viel zu komplex. Die Konsequenz kann nur
sein, dass die Politik noch stärker auf – seriöse – öffentliche
Vermittlung setzten muss. Auch unabhängige Institutionen, Organisationen
oder Vereine etwa, leisten hier wertvolle Arbeit.
Und zu guter Letzt: Es ist ja nicht so, dass sich die Leute
nicht für ihr Umfeld interessieren würden – im Gegenteil erhalten
Nicht-Regierungsorganisationen (Verbände, Vereine, Initiativen
etc.) großen Zulauf gerade auch von jungen Menschen. Es sind
vor allem die traditionellen Parteien, die mit Mitgliederschwund
zu kämpfen haben – und die grundsätzlich negative Haltung den
wählbaren Parteien gegenüber macht sich dann auch bei den Wahlen
bemerkbar.
Es gibt kein Patentrezept, aber sicherlich müssen Politiker
und Parteien besser zuhören, selbst überzeugen und vor allem:
gute Politik machen!
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